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Lieber tut mir alles weh, als dass ich nichts merke …
Seelenstriptease, Autistenwerkstatt, fleischloser Kamillentee und der eigene Anspruch“

Interview mit Incestum und Schwarwel
zur „Soulstrip“-Ausstellung
zu Pfingsten in der Katakombe 06.06. – 09.06.2014

Von Sandra Strauß Mai 2014

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„Soulstrip“ – Seelenstriptease, das innerste Gefühl nach Außen kehren, die Psyche abschälen …
Was verbindet ihr mit diesem Begriff und warum habt ihr eurer Ausstellung diesen Titel gegeben?

Schwarwel: Seelenstriptease ist ja Dank der Boulevardmedien ein gern benutztes Sujet, um nach Aufmerksamkeit zu heischen. Meist ist das eine Mogelpackung und man bekommt abgestandene Destillate statt gelebter Originale. Mal sehen, ob wir das aufbrechen können … Naja, eigentlich bin ich mir sogar ziemlich sicher, dass wir das schaffen.

Incestum: Der Titel kommt vom Mitstreiter und wurde mit „Jawoh!l“ meinerseits angenommen.
„Seele“ und „Nackt“ sind zwei Dinge, die gern in Kunst eingebettet werden. Nur dort wird eine artgerechte Haltung gewährleistet.

 

Welche Exponate werden in eurer Ausstellung zu sehen sein und wie habt ihr eure Ausstellung konzipiert?

Schwarwel: Seit 2010 haben wir jedes Jahr gemeinsam zur WGT-Zeit ausgestellt – letztes Jahr musste ich leider passen, weil ich es zeitlich einfach nicht hinbekam und nichts Unfertiges hinrotzen wollte.
Die Konzeption ist immer eine recht simple: Ausstellungsmöglichkeit – Beschlussfassung – Themenvorschlag – Annahme – Umsetzung … geht alles etwas schneller als auf nem Parteitag.
Die Konzeption ergibt sich einfach aus dem, was wir ohnehin tun und wie wir ticken. Das passt.

Incestum: Ich werde, wie in den Jahren zuvor, die dreidimensionale Ebene bedienen. Plastiken aus Stahl, die sich in Farbe und Form mit Schwarwels zweidimensionalen Werken an der Essensausgabe um ein Stückchen Seele streiten.

 

Wie erfolgen eure kreativen Absprachen, wer macht was?

Schwarwel: Da Incestum und ich klar abgesteckte Betätigungsfelder haben – er den Stahl und die Elektrik, ich die Leinwände und die Farben – ergibt sich automatisch ein schöner Rundumschlag. Keiner quatscht dem anderen rein, aber wir machen auch jedes Mal gemeinsame Werke, die eine Brücke schlagen – es ist ein Bisschen wie in der Autistenwerkstatt – erst beim Aufbau in den Tagen vor der Vernissage tragen wir alles auf einen Haufen und überlegen uns, wie wir die Werke arrangieren.
Hat bisher immer gut hingehauen.

Incestum: Für konstruktive Absprachen treffen wir uns aller zwei Tage in angesagten Szenelokalitäten auf einen fleischlosen Kamillentee. Unser Terminplaner lässt das aber nur selten zu.

 

Wie und wo entstehen eure Werke und wie kann man sich euren kreativen Schaffungsprozess vorstellen? Wie ist die Entwicklung von der Idee bis zum fertigen Kunstwerk?

Schwarwel: Bei Incestum weiß ich das nicht so genau – irgendwo im Mutantenland gibt es eine Garagenwerkstatt mit Schweißbrennern und viel technischem Gerät, alles sehr mystisch für mich. Und ich will da auch gar nicht hin und es mir ansehen, weil das dann für mich entmystifiziert werden würde und die Gefahr bestünde, ich hätte plötzlich ganz tolle Verbesserungsvorschläge und würde Incestum doch irgendwie reinquasseln, obwohl eben das nicht passieren soll.
Mehr als seine Fotos auf Facebook kenne ich da also auch nicht.
Ich sehe die Sachen erst, wenn sie beinahe final in der Katakombe stehen – also so, wie sie gemeint sind.

Meine eigenen Sachen trage ich Monate vorher mit mir rum, mache nur schriftliche, kryptische Kürzelnotizen und die einzige Überlegung ist, wie ich welche Idee am Effektivesten umsetzen kann. Da gehe ich sehr pragmatisch ran, weil ich mich bei den ersten Ausstellungen ziemlich verrannt hatte und dann vieles nicht zeigen konnte, weil ichs einfach nicht fertig bekam.

Wichtig ist mir dann, welche Sachen tatsächlich unter unsere Headline passen. Der Stil der Umsetzung ist dann egal. Da ich Streetart genau so mag wie Museumsschinken oder Pulpart, suche ich mir die Materialien und Rahmen je nach Idee zusammen, statt alles in eine gleiche Form pressen zu wollen, in die das nicht rein passt.

Incestum: Wie und Wo kann ich eindeutig mit KOPF! beantworten. Als Zwischenspeicher dient das Skizzenbuch. Die Umsetzung erfolgt fast immer unter Nichteinhaltung von Deadlines im Kreativbunker.

Als Kreativbunker bezeichne ich meine Werkstatt, mein Studio und mein Atelier … der Ort ohne Hausnummer in tiefster ländlicher Gegend, wo ich von der Dämmerung bis Sonnenaufgang fast ungestört arbeiten kann.

 

Ist es befreiend für euch, eure Kunst/Werke zu erschaffen? Wieviel eurer Persönlichkeit, Psyche, inneren Gefühlswelt drückt ihr mit+in euren Werken aus? Verarbeitet ihr durch und in eurer Kunst eure Ängste, (Alb-)Träume, Wünsche und Leidenschaften?

Schwarwel: Hm, so endgültig befreiend ist das für mich nicht wirklich. Man kann mal was anreißen, ein Statement abgeben und Dinge aufzeigen, aber ich erwarte nicht, dass sich daraufhin die Himmelspforten für mich öffnen und Petrus mich zum Ambrosiagenuss an Tisch 2 bittet.

In unserer ersten gemeinsamen Ausstellung 2010 hatte ich vieles hingeklotzt, was mal raus wollte, aber da ging vieles ganz schön am Publikum vorbei, weil sich die meisten überfordert sahen. Deshalb versuche ich, einen Konsens zwischen eigenem Anspruch und … naja … Wohlgefallen zu erreichen, so ne Art Trojanisches Pferd, wo die Verpackung schnieke ist und der Betrachter nicht gleich merkt, dass da noch was anderes drin steckt.

Das macht auch mehr Spaß als immer nur mit dem Holzpfahl auf seine Umgebung einzuprügeln.

Incestum: Die Fragen stelle ich meiner/n Kunst/Geist schon seit Langem … ihr solltet euch kennenlernen.

 

Welchen Anspruch habt ihr an eure Kunst?

Schwarwel: Anspruch, ach Gottchen … Ich muss damit zufrieden sein, die fertigen Werke müssen mir gefallen und meinen Qualitätsansprüchen in Sachen handwerklicher Umsetzung genügen. Und vor allem muss ich den Eindruck haben, dass es die originale Idee über die Phasen der Skizze und Entwürfe über die Ausarbeitung bis hin zur finalen Signatur geschafft hat, vorhanden zu bleiben.
Wenn es mir dann nach zwei Tagen bei der Prüfung Stulle vorkommt, verwerfe ich es.

Incestum:
Keine. Ansprüche sind die Pest. Die Idee umzusetzen zählt.

 

Eure bisherigen gemeinsamen Ausstellungen trugen die Titel „Messers Schneide“, „Titten+Ärsche+Über-Ich“, „Todsünden+Gebote“. Was assoziiert ihr mit Düsternis, Mystik, Fantastik, Glaube und Seelenpein?

Schwarwel: Der natürliche Lauf der Welt. Lieber tut mir alles weh, als dass ich nichts merke.
Mystik, Fantastik und Glaube sind natürlich was für Romantiker, zu denen ich mich nur sehr bedingt zählen würde.
Aber die natürliche Mystik eines sternklaren Nachthimmels, unter dem man mit den Hunden entlangläuft, ist schon ein anderes Ding. Das entschädigt für so viele krumme Menschenwelterlebnisse …

Incestum: Bei Mystik und Fantastik halte ich mich lieber an den schwarzweiß King Kong als an das rosa Einhorn. Die letzten gemeinsamen Ausstellungen verbanden das kleinste gemeinsame Vielfache unseres Schaffens. Bei Farben, Licht und Musik waren wir uns einig. Heute würde ich „Titten+Ärsche+Schwänze“ auch zustimmen.

 

Rückblickend auf eure letzten gemeinsamen erfolgreichen Ausstellungen: was erwartet ihr selbst in diesem Jahr und was erwartet eure Gäste?

Schwarwel:
Erwartungshaltung ist für mich Gift, was ich gern aus meinem Körper verbannt wissen möchte. Einfach im Moment sein und gucken, was passiert – herrlich!

Für unsere Gäste haben wir uns für jeden Tag ein paar Sachen zusammengesucht, die sie zusätzlich zur Ausstellung goutieren können: Für die Bootcamp-Party von Herrn Alptraum und seinem neuen Buch stellen wir das richtige Ambiente, freitags und sonntags male ich jeweils ganztägig ein ziemlich großes Soulstrip-Bild, die Vernissage wird wie immer denkwürdig, weil wir es nicht so mit dem formalen Sekt-Abstehen haben … Vorbeikommen lohnt sich also an jedem Tag …

Incestum: Unsere Gäste erwartet eine untererdige Galerie in der Katakombe im Werk 2 mit Bilder und Plastiken.

 

Was ist eure Lebensweisheit, die Essenz, nach der ihr lebt?

Schwarwel: „Du bist der Moment.“

Incestum: „Eure Ordnung ist verkehrt.“

 

Lieben Dank für das Interview.

Danke meinerseits.
– schw

 

INTERVIEW ALS PDF ZUM DOWNLOAD

 

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Kunst ist immer ein Verlustgeschäft

Ein Interview mit Incestum, Nilz Böhme und Schwarwel zu ihrer Ausstellung „Seelenfresser: Todsünden und Gebote“

Von Jörg Augsburg 2010

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Ihr seid alle drei Menschen, die im Alltag nicht unbedingt den Eindruck von Düsternis verbreiten. Und jetzt „Seelenfresser: Todsünden und Gebote“.

Nilz Böhme: Da ist schon etwas in mir drin, das raus möchte, eine dunkle Seite. Wenn du wie ich eine Zeitlang im Rettungswesen gearbeitet hast, dann hast du alles erdenklich Schlimme gesehen; den Tod gesehen. Das geht nicht einfach spurlos an dir vorüber, das gräbt sich in deine Persönlichkeit ein. Ich denke, das spiegeln meine Fotos auf meine künstlerische Art wider.

Incestum: Ich habe ja eine gewisse Affinität für die Wave-Gothic-Szene, da passt das Düstere sozusagen von selbst. Ich musste mich also nicht groß verbiegen, gerade bei diesem Thema. „Incestum“ bedeutet ja „Blutschande“, ich stehe sozusagen voll in der Materie.

Schwarwel: Ich habe sicher eine Menge unterschiedliche Persönlichkeiten in mir. Früher hab ich versucht, die alles in Eins zu packen. Jetzt hab ich gelernt, dass man das auch gut auf verschiedene Gebiete verteilen kann – wenn man will. Diese Ausstellung fordert eben eher die düstere Seite heraus.

 

Schwarwels Malerei, Nilz Böhmes Fotografien, Incestums Stahl: Das sind sehr unterschiedliche Arbeitsweisen und Formate.

Schwarwel: Ich würde meine Bilder eher als sehr große Illustrationen sehen, auch wenn es natürlich technisch gesehen „Malerei“ ist, mit Pinsel, Farbe und Leinwand. Aber mir liegt dieses Illustrative, das In-your-face! mehr. Ich stehe nicht vor der Leinwand und dann fließt plötzlich das Künstlerische aus mir heraus, so ein Quatsch ist das bei mir auf keinen Fall. Ich habe exakt vorgeplant, was ich mache. Das ist auch schon eine Frage der Schaffbarkeit von diesen zwanzig Bildern. Da gehts dann manchmal zu wie im Malerbetrieb: Heute machen wir Magenta, morgen ist Rot dran …

 

… sehr viel Rot …

Schwarwel: … ja, ich musste ein paar Extratage Rot einschieben! (lacht) Da muss man auch nicht viel erklären: Rot ist die Liebe, Schwarz ist der Tod. Viele Farben bleiben da nicht mehr übrig.

Nilz Böhme: Ich denke schon, dass nicht eine Art von Werk das andere erschlägt, sondern dass sich am Ende ein gemeinsames Bild ergibt. Ich habe ja zum Beispiel auch Fotografien mit zwei Meter Breite dabei, das hat schon eine starke Präsenz auch neben Stahl und Malerei.

Incestum: Skulpturen sind ja normalerweise eher aus Holz oder Stein, bei mir ist es halt Stahl, der „wächst“ einfach besser in meinen Händen. Aber klar, das sticht in der Form schon ein bisschen heraus, ich arbeite ja als Einziger von uns sozusagen in „3D“.

Schwarwel: „Todsünden und Gebote“ war die Überschrift, auf die wir uns geeinigt haben und mit der jeder auf seine Art umgegangen ist. Aber es soll schon der Eindruck sein, dass man in einen Raum kommt, der in sich schlüssig ist, trotz der unterschiedlichen Formen.

 

Wäre diese Ausstellung auch in einer „normalen“ Galerie denkbar?

Schwarwel: Wir haben ja mit dem herkömmlichen Kunstbetrieb alle drei recht wenig am Hut, auch wenn wir mit Nilz natürlich einen promovierten HGB-Fotografen an Bord haben, der uns die Patina des künstlerisch Gebildeten überhilft.

Nilz Böhme: Das Studium macht ja keinen Künstler aus einem, es hilft dir nicht dabei, deine Bestimmung zu finden. Wobei es mir hilft, ist einen gewissen Blick auf mein eigenes Werk zu haben, zum Beispiel um eine Ausstellung wie diese für mich sinnvoll in Szene zu setzen.

Incestum: Ich sehe mich ohnehin nicht als Künstler, der mit Künstlerschal und Sektchen auf Vernissagen herum steht und mit Leuten labert. Für mich hat der Begriff „Kunsthandwerk“ vielleicht die bessere Bedeutung. Aber natürlich ist es „Kunst“, weil die Dinger ja irgendwie entstehen und ich kann dir auch gar nicht wirklich sagen, wie. Von Zollstock und Winkelmesser versuche ich mich jedenfalls fernzuhalten. Man muss natürlich schon schweißen können, wenn man mit Stahl arbeitet, das gehört dazu.

 

Zu einer Verkaufsausstellung gehören natürlich auch Preisschilder. Was steht auf euren?

Schwarwel: Bei mir ist das so im 500er-Bereich. Was ich sehr, sehr fair finde. In Stundenlohn umgerechnet, mache ich da auf jeden Fall Miese. (lacht) Kunst ist doch immer ein Verlustgeschäft!

Nilz Böhme: Meine Kunst ist natürlich unbezahlbar! Ich würde am liebsten spontan über einen Preis entscheiden, wenn ich den sehe, der sich dafür wirklich interessiert. Es kommt auch drauf an, ob ich eine Verbindung zwischen Bild und Betrachter verspüre. Dann ist mir der Preis egal. Aber wir müssen ja alle irgendeinen Preis festlegen und ich sag es mal so: Es wird bezahlbar sein für jemanden, der mein Bild wirklich haben will.

Incestum: Irgendwas zwischen 150 und 3.000 Euro. Das ergibt sich aus Material, Arbeitszeit, Herzblut. Und dem „Kunstfaktor“!

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